4 Wochen Roadtrip im Truck Camper. Über 2500 km. Naturerfahrungen, wie man sie sich nur erträumen kann.
Sonnenaufgang über dem Denali Highway
Das ist das große ALASKA - THE LAST FRONTIER Review - Juni 26
Von der ersten Idee bis zum Aussteigen aus dem Flugzeug in Anchorage sind mehrere Monate intensiver Planung vergangen. Neben den Hauptkriterien wie Reisezeit, Route und der Entscheidung, ob und welcher Camper am meisten Sinn macht, waren es vor allem die Details, denen ich besondere Bedeutung gegeben habe. Zum Glück gibt es mittlerweile eine Menge an Tools, guten Berichten und Informationen, um von der Wanderung bis zur besten Birding- / Fotolocation alles im Detail zu planen.
Damit das Ganze auch eine besondere Erfahrung wird waren ein paar Schlagworte richtungsweisend.
Bären | Vogelbeobachtung | weite Landschaften | wenig Leute | maximale Flexibilität
Wie gut Vorstellung und Realität zusammengepasst haben, gibts im ersten Teil vom Review - Viel Spaß beim Lesen und Entdecken !
Part 1: Lake Clark National Park
Willkommen im Bearadise
Während der 3 Nächte im Lake Clark National Park sind so einige Traumbilder entstanden, vor allem aber bleibende Erinnerungen und ein Gefühl, das ich vorher nicht erwartet hatte.
Der Lake Clark National Park bietet durch seine Abgeschiedenheit, ohne Straßenanbindung, und die hohe Dichte an Braunbären besonders gute Beobachtungsbedingungen im natürlichen Habitat. Plattformen, Hides oder sonstige touristische Infrastruktur sucht man hier vergeblich - man taucht direkt in den Lebensraum der Küstenbraunbären ein. Das reichhaltige Nahrungsangebot mit eiweißreichen Seggenwiesen und Muscheln (razor clams), sowie die wenigen, aber etablierten Lodge-Standorte tragen dazu bei, dass es ein einmaliges, von Toleranz und Respekt geprägtes Verhältnis zwischen Mensch und Bär gibt. Der Juni ist dafür prädestiniert, um unterschiedliches Verhalten auf engstem Raum beobachten zu können und deshalb war schnell klar, dass ein Tagestrip hier nicht reicht, sondern ein mehrtägiger Aufenthalt direkt im National Park ein Muss ist.
Mit dem kleinen Propellerflugzeug inkl. Landung auf dem Sandstrand war vor Beginn des eigentlichen Aufenthalts die Messlatte schon sehr hoch gelegt. Schneebedeckte Berge, Vulkane, weite Mudflats, einige Beluga Wale in Küstennähe und faszinierende Landschaften - wäre noch etwas mehr Beinfreiheit gewesen - der perfekte Start.
Doch die Stars des Aufenthalts haben nicht lange auf sich warten lassen.
Da ich davor noch nie einen Braunbären in der freien Wildnis sehen durfte, war die erste Sichtung keine 10 min nach dem Start aus der Lodge im ATV schon etwas Besonderes und bleibt mir noch lange im Gedächtnis. Sich einem Bären einfach so zu nähern und zunächst aus sicherer Entfernung zu beobachten war schon verrückt genug. Was über alle Tage hinweg aber zum Muster wurde waren Interaktionen auf teils sehr kurzer Distanz, da wir uns mit Hilfe der Guides strategisch platziert hatten. Beste Beobachtungs- und Fotomöglichkeiten für die teils sehr neugierigen, teils gleichgültig mit Fressen beschäftigten Bären waren sicher.
Nach dem ersten Adrenalinschub und dem Ankommen in diesem abgelegenen Fleck Erde wurde es fast schon “normal” sich dort aufzuhalten und über die nächsten Tage permanent von Bären umgeben zu sein. Ein Gedanke der für mich vorher absolut nicht greifbar war. - Was ein Privileg.
“Naturerfahrung der Extraklasse aber definitiv kein Urlaub”
Unser normaler Tagesablauf:
5:30 Uhr Kaffee und kleiner Snack
6:00 Uhr - 8:30 Uhr Bear Watching #1
8:30 Uhr Frühstück
9:00 Uhr - 12:00 Uhr Bear Watching #2
12:30 Uhr Mittagessen
13:00 Uhr - 18:00 Uhr Bear Watching #3
18:30 Uhr Abendessen
19:30 Uhr - 21:30 Uhr Bear Watching #4
Wenn jemand behaupten würde, er kommt nur wegen des Essens, kann ich dem nach dem Aufenthalt absolut nicht widersprechen. Dafür, dass alles eingeflogen werden muss bzw. aus dem eigenen Garten kommt - der gerne mal von den Bären geplündert wird - war das schon großes Kino.
Damit jeder ein Gefühl dafür bekommt.
Neben der Sterneküche war zwischen den Sessions meist nur ein kurzer Moment zum Durchatmen, Sachen neu sortieren und zurück in die Gummistiefel schlüpfen. Unsere Kleingruppe war glücklicherweise zu 100% darauf fokussiert die Zeit mit den Bären zu maximieren - man kann es natürlich auch gemütlicher angehen lassen und mal in der Lodge bleiben oder einen Angeltrip dazwischenschieben.
Aber warum fährt man dann an solch einen Ort?
Im Voraus hatte ich mir ein paar Wunschbilder in den Kopf gesetzt ohne die Location die Möglichkeiten vor Ort oder genaue Pläne zu kennen.
Das “Clamming”-Verhalten der Bären am Strand mitzuerleben, wenn bis einem guten halben Meter tief nach den Muscheln gegraben wird, die mit einer Präzision geöffnet werden, wie man es sich bei einem solchen Tier absolut nicht vorstellen kann, stand ganz oben auf der Liste - natürlich bei perfektem Licht vor einem roten Feuerball im Hintergrund. Komplett ist der Traum nicht in Erfüllung gegangen, aber an 2 Nachmittagen war die Bärenmutter mit ihren 2 Jungtieren aus dem letzten Jahr auf den Mudflats im seichten Wasser unterwegs. Der perfekte Anschauungsunterricht um diese wichtige Technik zu erlernen.
Auch wenn die Mittagssonne am wolkenlosen Himmel fotografisch herausfordernd war hat es erstaunlich gut funktioniert den Vorder- und Hintergrund fast nahtlos ineinander übergehen zu lassen. Zu meinem absoluten Lieblingsbild der gesamten Reise hat aber die Gegenlichtsituation geführt, die ein schönes Glitzern von einzelnen Bokehkreisen im Vordergrund mit dem Jungtier als Hauptfigur erzeugt hat. Da war der fehlende Sonnenaufgang direkt vergessen.
Das Canon RF 70-200 f2.8 war hier die perfekte Wahl, auch wenn manchmal etwas weniger Brennweite sogar besser gewesen wäre. Die Bären kamen teils bis auf wenige Meter heran und jeden Handgriff beim Muschelöffnen konnte ich hören.
Nachdem die ersten richtig guten Bilder dabei waren konnten andere Szenarien in den Fokus rücken - Gegenlicht, von Close-ups bis Habitataufnahmen und ein Fokus auf Verhalten und Interaktionen, speziell zwischen der Bärenfamilie, die unsere Gruppe jeden Tag zuverlässig begleitet hat.
Dadurch, dass die Touren mit dem ATV über die 3 Tage auch immer in neue Abschnitte führten, waren abwechslungsreiche Settings gesichert. Vulkane und Bergketten, Strandabschnitte, Wiesen oder kleine wasserführende Gräben im Hintergrund waren nur ein Teil des abwechslungsreichen Ökosystems im Lake Clark Nationalpark. Die Masse an Möglichkeiten zum Fotografieren war während der ein oder anderen Session fast schon etwas überfordernd, da über Stunden immer irgendwo Bären in direkter Sichtweite waren und die ein oder andere Überraschung - wie der plötzlich aufgetauchte Schwarzbär - noch dazukam. Nur ganz selten gab es längere Zeiten ohne Sichtungen.
Bei der unberührten Natur im Lake Clark Nationalpark braucht es aber nicht einmal Bären, um sich begeistern zu lassen.
Um kurz auf meine wichtigsten Tools und Essentials einzugehen, die erst die Bilder ermöglicht haben, hatte ich manche Dinge im Voraus völlig überschätzt, andere gar nicht auf dem Schirm. Wie die Guides ganz treffend gesagt haben, war Weniger hier definitiv Mehr. Zwar konnte man in den ATV-Anhängern theoretisch viel Kameraausrüstung transportieren, war aber immer verpflichtet alles mitzunehmen, sobald wir als Gruppe aussteigen und zu Fuß weiter gehen.
Der angeknabberte Fahrersitz war ein deutlicher Hinweis darauf, warum.
Die erste Tour habe ich mit meiner R5, dem Canon RF 200-800 f6.3-f9, RF 70-200 f2.8 und dem RF 24-105 f4 gestartet, dazu ein Stativ mit Gimbalkopf, sowie diverse Akkus und Speicherkarten. Geschickterweise hatte ich für den Flug die Stativplatte vorher abmontiert und in der Aufregung vergessen wieder an den Stativfuß des Objektiv zu schrauben - mehr wie ein Armlehne war das Stativ dementsprechend nicht. Abgesehen davon habe ich aber direkt gemerkt, dass das kein Setting für Stativnutzung ist - zumindest nicht für mich und meine Art zu fotografieren. Alles ist viel zu umständlich, unhandlich und nicht flexibel genug, um in kürzester Zeit auf die Bären, Lichtstimmungen oder Hintergründe zu reagieren. Unbenutzt hat das Stativ für die restlichen Tage dann den Platz im Zimmer gebucht.
Aufseiten der Objektive war die Auswahl aber sehr gut, vor allem die Flexibilität der Zooms hat mir viele Bilder erst ermöglicht. Man unterschätzt, wie schnell die Bären sich selbst beim entspannten Gras fressen fortbewegen und plötzlich nur noch ein paar Meter vor einem stehen. Die am meisten genutzten Brennweiten am RF200-800 waren dann auch wenig überraschend 200mm und 800mm. Festbrennweiten hätten hier sicher eine etwas bessere Bildqualität geliefert, aber das war für mich in dem Moment wirklich nebensächlich - bei meinem Output kann ich persönlich die Objektive für diesen Anwendungsfall nur empfehlen. Im Voraus war mir zwar bewusst, dass die Bären nah herankommen und auch kürzere Brennweiten angebracht sind, aber ich hatte es unterschätzt, wie viel Spaß das RF70-200 f2.8 macht. Für Habitataufnahmen oder schöne Portraits aus tiefer Perspektive - bei kurzer Distanz zum Bär - war der Brennweitenbereich einfach perfekt.
Für das Stativ kam aber eine Ergänzung mit in den Rucksack bzw. direkt aufs Objektiv. Bei strahlendem Sonnenschein hatte ich intuitiv nicht an das Rain Cover gedacht, doch die staubigen Wege und der Wind an der Küsten haben das zwingend gefordert. Bis heute knirscht es noch bei Drehen der Ringe.
Neben dem “Clamming” Verhalten am Strand hatte ich natürlich noch ein paar andere Wunschvorstellungen, was sich so vor der Kamera abspielen könnte. Der Juni ist ein interessantes Zeitfenster, da die Mütter mit ihren Jungen aus den Wäldern in die Seggenwiesen wandern und gleichzeitig die dominanten Männchen auf Partnersuche zur Paarung sind. Beides zu sehen sollte den Trip perfekt abrunden - und es wurde abgeliefert.
Zwar waren die süßen COYs (Cub of the Year) während der Zeit dort noch nicht zu sehen, aber die Jungtiere aus dem vergangenen Jahr mit ihrer Mutter. An Energie und Spieltrieb hat es beiden hier nicht gefehlt, und dadurch, dass wir jeden Tag mehrfach die drei beobachten konnten ist die ein oder andere schöne und auch lustige Beobachtungen gelungen. In der Galerie ganz unten mal ein kleiner Vorgeschmack.
Von der Stretchingübung kurz nach dem Mittagschlaf, über das balancieren auf Seilen bis zur nebenberuflichen Tätigkeit als Mechaniker war alles dabei was man sich wünschen kann.
- Beim “Sturz” in die sich überraschend drehende Schraube am Bootsmotor sind keine Bären zu Schaden gekommen. -
Kurz vor Schluss wurden wir noch mit einer ganz besonderen Erfahrung belohnt. Bis es bei Bären zu einer Paarung kommt, kann schon eine sehr lange Zeit vergehen. Meistens sind die Weibchen lange auf Ausweichkurs und haben wenig Interesse an den männlichen Artgenossen, es gibt Annäherungsversuche und Verfolgungen hin zu den weiten, offenen Wiesenflächen. Über mehrere Stunden haben wir ein mögliches Paar beobachtet, und beim Einsteigen in den ATV auf dem Weg zum Mittagessen ist wohl doch der Funke übergesprungen. Direkt vor uns spielte sich das Schauspiel ab und bei 200mm waren beide formatfüllend im Sucher. Ich würde sagen, die Bären und wir haben uns gleichermaßen beobachtet gefühlt.
Ein besonderer Moment von vielen in diesen drei vollgepackten Tagen mit einzigartigen Erlebnissen. Direkt zum Start der Reise war klar, dass dies definitiv nicht das letzte Mal in Alaska und im Lake Clark National Park war. Das Gesamtpaket hat hier einfach überzeugt und noch mehrere Monate später gibt es hunderte nicht bearbeitete Bilder - von ursprünglich ca. 50.000 - 60.000.
Doch die Reise in den weiten Alaskas hat erst begonnen und noch einige Überraschungen, Orte und Erfahrungen parat.